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Alles gratis? Ja, aber…

16.03.2012 | 10 Kommentare

Verschenken? So würde ich es nicht nennen. Ok, über das Internet ist ein Lied rasch heruntergeladen und mit den steigenden Bandbreiten sind auch Filme nur noch einen Kaffee vom Fernseher entfernt. Ich verstehe, dass diese Realität vielen Kulturschaffenden ein Dorn im Auge ist. Was ich nicht verstehe, ist die Gleichsetzung der Wertschätzung von Kultur mit der Frage, wie viel Geld für eine MP3-Datei bezahlt wird. Gerade die Musikschaffenden sollten eigentlich wissen, dass CDs nicht alles sind. Was ist mit Konzertbesuchen, Merchandising-Käufen oder dem Fakt, dass immer noch gleich viel Geld für Kultur ausgegeben wird, wie eh und je?

Eine Feststellung im offenen Brief des Vereins Schweizer Musikschaffende ist aber goldrichtig: Der Bundesrat irrt sich in der Annahme, dass kein Handlungsbedarf besteht. Mit dem Status Quo sind weder die Kulturschaffenden noch die Konsumenten zufrieden. Es braucht offensichtlich einen Austausch und es muss sich etwas ändern. Was die Musikschaffenden allerdings nicht zu verstehen scheinen: Man kann den natürlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten. Forderungen wie «geeignete Präventionsmassnahmen gegen Internet-Piraterie» sind absurd und total weltfremd. Oder wie es Francis Gurry sagt: «Wir haben keine andere Wahl; entweder passt sich das Urheberrechtssystem dem natürlichen Lauf der Dinge an, oder es verschwindet. Die Geschichte zeigt, dass es unmöglich ist, den technischen Fortschritt aufzuhalten. Statt dagegen anzukämpfen, müssen wir uns dem Unvermeidlichen stellen und uns auf intelligente Weise anpassen.» Er ist niemand geringeres als der Generaldirektor der Weltorganisation für Geistiges Eigentum.

Das grosse Problem: Nicht alle Musiker sind mit dem Internet aufgewachsen und einige tun sich entsprechend schwer, die vielen neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen. Offenbar fehlt eine kompetente Anlaufstelle. Aber halt: Ist nicht genau das die Idee hinter Labels, ja deren Aufgabe? Statt zu jammern, dass eine böse Technologie die Umsätze mit Plastikscheiben aus dem letzten Jahrtausend schrumpfen lässt, könnten sie sich darauf einlassen und zum modernen Dienstleister für die Musikschaffenden werden. Glücklicherweise beginnen zumindest die Majors zu verstehen, dass man das Internet für sich nutzen kann. Kürzlich konnte man auf Futurezone lesen:

Sony Music sieht die Krise der Musikindustrie überwunden. „Ich bin mir sicher, dass wir in ein bis drei Jahren wieder in einem Wachstumsmarkt sind“, sagte Edgar Berger, Chef von Sony Musik International [...]. Er habe noch nie einen solchen Optimismus und eine solche Aufbruchstimmung in der Branche gespürt, wie es jetzt gerade der Fall sei, sagte der Musikmanager.

Berger ist voller Euphorie und fügt überraschend an: «Das Internet ist für die Musikindustrie ein großer Glücksfall, oder besser gesagt: Das Internet ist für uns ein Segen.» Genau so ist es. Es hilft niemandem, wenn schlussendlich die halbe Schweizer Bevölkerung im Gefängnis sitzt und die Kulturschaffenden immer noch unzufrieden sind. Repression kann nicht die Lösung sein, so geht man doch nicht mit seinen Fans um! Viel mehr stellt sich die Frage: Gibt es Grund zur Sorge um die Motivation der Kulturschaffenden, Kultur zu schaffen? Wenn ja müssen neue Möglichkeiten gefunden werden, damit die Motivation nicht schwindet. Doch das geht nur, wenn ein Austausch statt findet. Deshalb freut es mich, dass sich die Piratenpartei bald mit den Kulturschaffenden trifft.

Kommentare

10 Responses to “Alles gratis? Ja, aber…”

  1. getiteasy
    March 16th, 2012 @ 23:53

    Sehr schöner Artikel.
    Und wieder wird auf die Schaffenden gehauen.
    Und wieder müssen die Schaffenden etwas erfinden womit man sie belohnt.
    Was machen eigentlich die, die sich alles gratis nehmen?
    Die müssen etwas schaffen um die Schaffenden motivieren zu können neues zu schaffen. Gratis natürlich.
    Dejavu

  2. Pat Mächler
    March 16th, 2012 @ 23:59

    Meine – etwas provokante These ist – dass sich zur Zeit als Kultur erstmals als Wertschöpfung begriffen wurde der Vertrieb von Kultur aufgrund der künstlichen Verknappung als besonders gewinnbringend erwiesen hat. Dieses “Dogma” hat sich weiter fortgesetzt, auch bei Medien bei denen eine künstliche Verknappung nicht sinnvoll ist und von Rechteverwertenden zu Kunstschaffenden. Es ist nicht so, dass es nicht genügend Kunstschaffende gegeben hätte, die sich äusserst kritisch mit der Idee des Urheberrechts auseinandergesetzt hätten. Nur ist diese Sicht nicht so stark weitergegeben worden; insbesondere an jene Kunstschaffende bei denen man sich fragen kann ob sie überhaupt Kunst schaffen oder nicht eher ein marktgerechtes Produkt verkaufen möchten.

  3. Denis Simonet
    March 17th, 2012 @ 00:01

    Hm, eigentlich dachte ich, der letzte Satz macht klar, dass wir uns sogar mit dem Verein treffen und gerne Ideen austauschen? Aber ich gebe dir recht: Es muss von beiden Seiten kommen! Es betrifft beide Seiten, beide Seiten sollten zur Lösung beitragen.

    Eines ist dabei klar: Filesharing zu verbieten kann nicht die Lösung sein. Es wird schlicht nichts ändern. Es muss ein Weg gefunden werden, der “trotz Filesharing” zu Zufriedenheit führt.

    Dejavu bitte erklären :).

  4. getiteasy
    March 17th, 2012 @ 00:10

    naja der Gedanke ist schon richtig. Nur – sind die Gedanken alle schon mal gedacht worden mehrmals. Ich sehe keinen Lichtblick Neues in der Ferne. mh. Die Sache ist interessant.

  5. Denis Simonet
    March 17th, 2012 @ 00:18

    Ja, sehr interessant. Mal schauen, was kommt.

  6. Cedric Meury
    March 17th, 2012 @ 09:58

    “Was machen eigentlich die, die sich alles gratis nehmen?”
    Getiteasy, denkst Du wirklich, die laden sich einfach ein Musikstück runter und that’s it?

    Was machen denn die wohl?

    Ich lerne über einen Gratis-Download eine Band kennen. Ich lese CD-Reviews, höre neue Alben Probe, schreibe Rezensionen, diskutiere mit Freunden darüber, kaufe(!) Konzert-Tickets, kaufe(!) T-Shirts, schreie/klatsche/hüpfe für Bands die ich mag, verbreite anschliessend meine positiven Eindrücke im Freundeskreis/Facebook/Twitter/Chat/Blog.

  7. Denis Simonet
    March 17th, 2012 @ 10:16

    Ja, da hat Ced absolut recht. Filesharing wird aus Liebe getan, nicht aus Hass.

  8. barbara
    March 18th, 2012 @ 16:06

    “Deshalb freut es mich, dass sich die Piratenpartei bald mit den Kulturschaffenden trifft.”

    wobei es wohl ein Irrtum wäre anzunehmen, dass es keine Schnittmenge gäbe. Es gibt doch sicher in der Piratenpartei Leute, die kulturelles Zeugs tun…? Kultur zu schaffen ist nichts Elitäres oder Besonderes, man braucht dazu auch kein Genie zu sein oder von der Muse geküsst. Man muss es eben einfach tun.

    eins der grössten schweizerischen kulturellen Events, wo Text und Bild und Performanckunst über drei Tage intensiv ausgeübt werden, war schon seit eh und je offen und gratis und nicht subventioniert: die Basler Fasnacht. warum sollte es also anderswo nicht gehen, Kultur ebenso frei und offen und gratis zu schaffen?

    grüsse, barbara

  9. Denis Simonet
    March 18th, 2012 @ 16:28

    Mit den Kulturschaffenden meine ich den Verein.

  10. Geld, Streaming, Filesharing und das Urheberrecht : Denis Simonet
    March 22nd, 2012 @ 17:12

    [...] plötzlich ist das Urheberrecht wieder aktuell. Angeregt durch ACTA und den Verein Kulturschaffende Schweiz, trafen wir uns gestern mit der SUISA und sprachen über das Urheberrecht. Neben dem [...]

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