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Abstimmungen sind keine Miss-Schweiz-Wahlen!

14.03.2012 | 4 Kommentare

E-Voting ja oder nein? Darum geht es gar nicht. Denn das sollte schlussendlich das Volk entscheiden. Wenn eine Mehrheit elektronischen Abstimmungs- und Wahlsystemen vertraut, müssen wir das akzeptieren. Doch die Legitimität der aktuellen Praxistests ist fraglich, zumal das Volk so weit nicht mitreden konnte. Klar: Diese Möglichkeit gibt es erst für die Auslandschweizer und diese haben auch ein verständliches Interesse daran, elektronisch abstimmen zu können. Banalisieren sollte man es dennoch nicht.

Die Legitimität von E-Voting ist in diesem Beitrag nur zweitrangig. Bei der Geschichte um den #eVoteFail, wie er auf Twitter genannt wird, geht es um eine Selbstverständlichkeit, die offenbar doch nicht so selbstverständlich ist: Wenn wir es schon tun, dann bitte richtig. Um das zu veranschaulichen, erkläre ich erstmal, wie PiVote funktioniert. PiVote ist eine E-Voting-Lösung, die für Abstimmungen innerhalb der Piratenpartei Schweiz entwickelt wurde. Wir befolgen dabei drei Grundsätze.

Von den Stimmen soll man nicht auf die Abstimmenden schliessen können, denn wir stimmen geheim ab. PiVote berücksichtigt das, indem es keine Einzelperson gibt, die in die Stimmen hineinschauen kann. Die Anonymität ist also gewährleistet. Zur Veranschaulichung: Wenn man weisse und schwarze Kugeln in einen Topf wirft, weiss man am Ende, wie viele weisse und wie viele schwarze Kugeln im Topf sind. Wenn man zählen kann. Man weiss aber nicht, wer welche Kugel abgegeben hat.

Trotz Anonymität muss immer gewährleistet sein, dass nur Stimmberechtigte abstimmen. Diese dürfen ausserdem genau einmal abstimmen. Mit magischer Kryptographie kann PiVote diese Sicherheit gewährleisten. Zur Sicherheit gehören natürlich auch weitere Faktoren. Der PiVote-Server muss immer erreichbar sein, der Computer der Abstimmenden sollte nicht mit Viren infiziert sein und die Software darf möglichst keine Fehler enthalten. Man muss auch ein Stück weit den Schlüsselpersonen vertrauen können.

In normalen Auszählbüros kann man die Auszählung überwachen, indem man den Wahlhelfern zuschaut. Bei E-Voting übernimmt das Auszählen die Logik, also die Software. Deshalb muss die eingesetzte Software vollumfänglich offengelegt werden. So kann jeder überprüfen, ob die Software auch tut was sie verspricht. Bei E-Voting könnte man sogar noch weiter gehen: Da die Stimmen verschlüsselt sind, können sie ohne Probleme öffentlich zugänglich gemacht werden. So kann man einerseits überprüfen, ob die eigene Stimme mitgezählt wurde. Andererseits kann jeder, sofern er will, die Stimmen selber noch einmal auszählen. Grosse Transparenz ist also möglich.

Soviel zu PiVote. Aber wie schaut es in der Schweiz aus? Ein Bericht der Bundeskanzlei ist Besorgnis erregend. Im Kanton Luzern konnte jemand doppelt abstimmen, was korrigiert wurde. Die eingesetzten Systeme folgen nicht der Tansparenz-Regel, weshalb weder die Sicherheit noch die Anonymität überprüft werden können. Zu diesem Zeitpunkt müssen wir also einfach glauben, dass die Stimmen richtig gezählt wurden. Das ist schlecht, zumal solche Systeme im Ausland wiederholt geknackt wurden und zu Schlagzeilen führten, wie ein kürzlicher Fall in den USA aufzeigt.

Warum kann die Schweiz nicht einfach E-Voting-Systeme bauen, die transparent, sicher und anonym sind? Es gäbe sogar ein Kompetenzzentrum E-Voting mit Forschern und Experten auf diesem Gebiet. Ist es so schwierig, unter deren Beratung eine gute Lösung zu erarbeiten?

Mit Luzern ist bewiesen, dass es in der eingesetzten Software Fehler gibt. Die Integrität der Wahlergebnisse ist in Frage gestellt. In einem offenen Brief fordert die Piratenpartei Schweiz deshalb die Annullierung dieser Stimmen und einen Stopp der Experimente. Der Brief wird unterstützt durch die Nationalräte Toni Brunner (Präsident SVP), Lukas Reimann (SVP), Antonio Hodgers (Fraktionspräsident Grüne) und Balthasar Glättli (Grüne), aber auch durch viele Organisationen. Ohne Entwicklung einer neuen vernünftigen Lösung darf es keine weiteren Abstimmungen mit Vote Électronique geben. Das sind immerhin verbindliche nationale Abstimmungen, keine Miss-Schweiz-Wahlen!

Kommentare

4 Responses to “Abstimmungen sind keine Miss-Schweiz-Wahlen!”

  1. E-Voting-Pilotversuch “Vote Èlectronique” « papierwahl.at – Kritik an E-Voting
    March 14th, 2012 @ 19:05

    [...] Ausnahme der Piratenpartei ist Kritik an Vote Èlectronique in der Schweiz rar. Denis Simonet kritisiert zwar: Doch die Legitimität der aktuellen Praxistests [...]

  2. Andre
    March 14th, 2012 @ 19:56

    Das Problem mit E-Voting ist die Tatsache dass diese nicht verifiziert werden können.

    Bei Papierwahlen kann das jedermann/frau der 1+1 rechnen kann.

    Bei Opensource Votinglösungen könnten dass dann theoretisch alle die den Sourcecode einsehen können und über entsprechende Kentnisse haben geschehen. Aber wer sagt mir dass in der Zwischenzeit nicht 1-2 Datensätze verändert/gelöscht wurden ?

    Bei nicht Opensourcelösungen kann das höchstens noch das Entwicklerteam machen, aber:
    - Die eigenen Fehler sieht man eh nicht
    - Die haben kein verlangen die Fehler zu veröffentlichen (Wäre ja rufschädigend)

    Nein, dem e-Voting werde ich (Selbst Informatiker FH) nie vertrauen

  3. Denis Simonet
    March 17th, 2012 @ 13:00

    Das ist so nicht ganz richtig. Man kann dank asymetrischer Kryptographie das System so lösen, dass:
    1. alle die eigene Stimme kontrollieren können und
    2. alle Stimmen selber auch ausgezählt werden können.

    So muss man nicht darauf vertrauen, dass der Staat die richtige Software einsetzt, man muss “nur” der Software vertrauen, die man verwendet, um die Auszählung zu überprüfen. Und das tut man entweder indem man unabhängigen Experten glaubt oder indem man selber den Code und die Mathematik versteht. So oder so ist es in der Situation dann eine Frage des Willens des Volkes. E-Voting ja oder nein.

  4. Digitalpolitik: FDP an Bord : Denis Simonet
    December 23rd, 2012 @ 21:58

    [...] steht der elektronischen Stimmabgabe vorbehaltlos positiv gegenüber und wertet die vorangegangenen Experimente mit Vote Électronique als Erfolg. Beunruhigend, zumal die bestehenden Lösungen weder transparent noch sicher sind. [...]

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