Wer hat Angst vor den Piraten?
16.03.2011 | Keine Kommentare
NZZ Online berichtete auf mein Interview mit Victor Love hin über das alternative Vertriebsmodell der Cyberpunk Rock Band Dope Stars Inc (DSI). Ein Modell, worüber Musikmagazine sicheren Quellen zufolge absichtlich nicht schreiben. Der explizit angegebene Grund: DSI bezeichnete es bis vor kurzem als pro-piracy model. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob diese Bezeichnung wirklich angebracht ist. In Zukunft wird DSI deshalb den Begriff pro-sharing verwenden. Doch die Angst vor dem Wort piracy (Piraterie) ist interessant und symptomatisch.
Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Digitalisierung a priori genau so ein negativer Aspekt wie damals die Industrialisierung oder die Eisenbahn für viele Arbeiter oder Transportunternehmen. DSI beschloss, den altertümlich operierenden Labels/Majors den Rücken zu kehren und ein neues System zu testen, weil bestehende Modelle nicht (mehr) nachhaltig sind. Die Zahlen im NZZ-Artikel zeigen, dass ein Problem besteht:
Dass die Branche gefordert ist, wird beispielsweise dadurch belegt, dass seit dem Jahr 2000 die Umsätze der schweizerischen Musikindustrie sinken. Für 2010 liegen zwar noch keine Zahlen vor. Doch 2009 mussten die Mitglieder des Branchenverbandes IFPI einen Rückgang um 6,3 Prozent auf 167 Millionen Franken verzeichnen – knapp die Hälfte des Rekordjahres 1995. Bei physischen Tonträgern betrug der Umsatzrückgang 11,7 Prozent. Streaming- und Download-Angebote konnten diesen nicht ausgleichen. Deren Umsatz wuchs zwar von 15,5 auf 23,2 Millionen Franken. Doch diesem Wachstum stand bei den physischen Tonträgern ein Erlösrückgang um 19 Millionen Franken gegenüber. Grund für diese Zahlen dürfte vor allem sein, dass der reine Download in der Schweiz bis heute nicht kriminalisiert wurde, so dass Raubkopierer unbehelligt ihre Festplatten und MP3-Player mit Musik füllen können.
Doch die Einflüsse der neuen Technologien müssen als Herausforderung akzeptiert und dürfen keinesfalls als Hindernis für verstaubte Geschäftsmodelle verboten werden. Diese Zahlen sagen nicht, dass Filesharing schlecht ist. Sie sagen nur eines: Die aktuellen Geschäftsmodelle sind nicht kompatibel mit der heutigen Informationsgesellschaft. Folglich müssen sie an die Realität angepasst werden. Die Realität zu verbieten ist weltfremd und falsch, aber das erklärte Ziel der Contentindustrie. Sollte sie nicht bald umdenken, ist sie zum Scheitern verurteilt. Alle Bands und Labels, die das verstanden haben, haben unsere Unterstützung verdient.
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