Die leere CD als Geschäftsmodell der Zukunft?
10.03.2011 | 12 Kommentare
Von der Musikvervielfältigungsindustrie kann man bekanntlich kein Verständnis für den gesellschaftlichen Wandel erwarten. Im Gegenteil: Die Allgemeinheit hat sich nach ihren Geschäftsmodellen zu richten. Sollte man sich dieser Diktatur widersetzen, wird die Freiheit verboten und mit möglichst hohen Geld- und am Liebsten auch noch Freiheitsstrafen belegt. Wegen dieser Sturheit gibt es vermehrt Kulturschaffende, die ihr eigenes Geschäftsmodell entwickeln. Als Band im hart umkämpften Markt gegen den Strom zu schwimmen, braucht Mut und vor allem viel Zeit und Geduld. Wie eine Alternative zum altertümlichen CD-Verkauf aussehen könnte, erklärt Victor Love im folgenden Interview anhand seiner eigenen Vertriebsidee. Er ist Produzent, Sänger und Gitarrist von Dope Stars Inc.
Hinweis: NZZ Online hat auch über diese Idee berichtet!
Ich: Ihr habt angekündigt, dass eure nächste CD im Internet frei verfügbar sein wird. Warum habt ihr euch entschieden, kein Label in den Prozess einzubinden?
Victor: Ja, das neue Album wird in allen möglichen Netzwerken und Formaten unter einer Creative Commons-Lizenz als freier Download zur Verfügung stehen. Dies, zusammen mit anderen Aspekten unseres Modells, würde keine Plattenfirma akzeptieren. Die Musikwelt änderte sich in den letzten Jahren dank dem weltweiten Netz enorm. So ist es jeder Band möglich, Communities aufzubauen, die bereit sind, die Band zu unterstützen – selbst wenn die Musik gratis zur Verfügung steht. Also dachten wir, es ist an der Zeit, mit einem neuen Vertriebsmodell zu experimentieren. Ein Modell, das nachhaltig und unabhängig vom regulären Markt zugleich ist.
Ich: Interessant. Erzähl mir doch bitte mehr von eurem Modell.
Victor: Unser Modell gibt als Hauptmerkmal jedem Fan die Möglichkeit, selber zu entscheiden, wie er die Band unterstützen will. Es stehen mehrere Optionen auf drei Ebenen zur Verfügung. Die erste Ebene beinhaltet Spenden, Flattr und Bitcoins oder die Unterstützung durch Tweets, Shares und Werbung, youtip. Die zweite Ebene ist der Erwerb von CDs (Physisch sowie Digital) und von Merchandising-Artikeln, direkt auf der Website der Band. Wir bieten auch eine Version des Albums an, die sich D.I.Y. edition nennt. Sie beinhaltet die künstlerischen Illustrationen in vollem Umfang, wird aber mit einer leeren CD ausgeliefert. Sobald das Album released wurde, kann es der Fan herunterladen und auf diese CD brennen, ohne auf die originale Hülle und bedruckte CD verzichten zu müssen. Dies reduziert die Herstellungskosten, wodurch wir die CD für 4€ zuzüglich Versandkosten vertreiben können. Auf der dritten Ebene haben wir das Ketaware Programm. Fans können Bestände von 10, 20 oder 25 CDs bestellen, um sie weiter zu vertreiben. Dabei können sie einen fairen Anteil von 1.5€ – 4.7€ verdienen und gleichzeitig Spezialpunkte sammeln, die man gegen einem Gratis-Zugang zum Backstage-Bereich, massgefertigte Werbeartikel oder andere spezielle Preise eintauschen kann. Das alles wird über ein Portal verwaltet, wo sich Fan-Aktivisten registrieren können. Dabei geben sie ihre Herkunft und Kontaktinformationen an, wodurch sich andere Fans mit ihnen in Verbindung setzen können. Dieses Programm dient natürlich auch Gruppen von Freunden, die so die CD günstiger und mit einer versicherten Express-Lieferung erhalten.
Ich: Werden die bereits veröffentlichten Alben auch frei verfügbar sein?
Victor: Das ist nicht möglich, weil die bisherigen Alben mit dem alten System lizenziert wurden. Faktisch sind aber die meisten unserer Lieder bereits auf Youtube und in andern sozialen Netzwerken verfügbar.
Ich: Denkst Du, ihr werdet mit dieser revolutionären Idee erfolgreich sein?
Victor: Das Ziel ist, eine nachhaltige Alternative zu schaffen. Es ist ein Risiko, aber keine Utopie. Wir wollen schlussendlich ein Budget haben, um das nächste Album unabhängig produzieren und es dann mit unseren Unterstützern teilen zu können. Wenn wir einmal dort angelangt sind: Epic win.
Ich: Versucht ihr, andere Bands zu überzeugen, es euch nachzumachen?
Victor: Wie wir es in unserem Manifest auf der Homepage statuierten, würden wir liebend gerne andere Bands sehen, die diesem Modell folgen. Wie bei allem was von Menschen und nicht von Computern geschaffen wurde, ist dieses System nicht perfekt. Es kann aber durch Bemühungen anderer elektronischer Gemüter verfeinert werden.
Ich: Willst Du den Lesern noch etwas sagen?
Victor: Es wäre grossartig, wenn die Leser die Idee dieses neuen Modells in anderen Communities und Piratennetzwerken verbreiten könnten. Sendet uns Voschläge und Rückmeldungen an info@dopestarsinc.com. Wir wären erfreut, darüber zu diskutieren und weitere Ideen zu entwickeln, um das Modell gemeinsam zu verbessern.
Ich: Danke für die Beantwortung meiner Fragen!
Victor: Gern geschehen. Wir schätzen euer Interesse und hoffen, dass dieses Modell zu einer freien und offenen Gemeinschaft von unabhängigen Musikliebhabern und -unterstützern beiträgt.
Unterstützung haben sich Dope Stars Inc. mit dieser Idee auf jeden Fall verdient! Ihre Websites:
http://www.dopestarsinc.com
http://www.facebook.com/dopestarsinc
http://www.twitter.com/dopestarsinc
http://www.youtube.com/dopestarsinc
http://www.myspace.com/dopestarsinc
http://www.last.fm/music/Dope+Stars+Inc
http://www.vampirefreaks.com/dopestarsinc
Kommentare
12 Responses to “Die leere CD als Geschäftsmodell der Zukunft?”
Leave a Reply



March 10th, 2011 @ 12:31
Coole Sache, dass du mit Dopestars ein Interview geführt hast. Super, dass Künstler, welche bereit sind derlei neue Wege zu gehen unterstützt werden.
March 11th, 2011 @ 16:46
Interessanter Ansatz, der auch die Verlogenheit der MI zeigt: es geht diesen Musikern nicht in erster Linie darum, x Millionen zu scheffeln, sondern ihre Musik möglichst einfach und trotzdem profitabel zu vertreiben. Leider wird die MI wohl nicht einfach so auf ihr Geld verzichten wollen und weiter überteuerte CDs verkaufen und pöse Raubkopierer verfolgen müssen, um ihre Ausgaben decken zu können :(
March 16th, 2011 @ 15:05
[...] Online berichtete auf mein Interview mit Victor Love hin über das alternative Vertriebsmodell der Cyberpunk Rock Band Dope Stars Inc (DSI). Ein Modell, [...]
March 18th, 2011 @ 17:02
[...] darauf geworden bin ich auf dem Blog von Denis Simonet, der mit den Dope Stars Inc. ein Interview über das Modell geführt hat. Auch NZZ Online hat über die Idee [...]
April 9th, 2011 @ 14:12
[...] http://www.denissimonet.ch/2011/03/10/die-leere-cd-als-geschaftsmodell-der-zukunft (Deutsch) [...]
April 14th, 2011 @ 09:48
[...] Géraldine Savary proklamiert ist nur ein Beispiel, wie unsere Freiheit angegriffen wird. Erst wenige Bands und eine Hand voll Labels haben eingesehen, dass altertümliche Geschäftsmodelle mit neuen [...]
January 2nd, 2012 @ 22:10
[...] «Ultrawired» von Dope Stars Inc. Besonders das Lied «Lies Irae» hat es mir angetan. Das Album darf übrigens frei über das Internet gezogen und verbreitet werden. Dann sind da noch Daft Punk mit «Tron Legacy: Reconfigured OST» und «gettopop» von dopestarr [...]
April 25th, 2012 @ 21:25
[...] sich für ihre grossartige Unterstützung bedanken und die Fans bitten, das neue Album zu kaufen. Dope Stars Inc. ging noch einen Schritt weiter und liess die Community den Text zu einem Lied [...]
December 2nd, 2012 @ 15:27
[...] akzeptiert werden. Eine Bemerkung am Rande: Das gilt auch für Musik. Die Band Dope Stars Inc. hat das erkannt und bezieht die Community gekonnt zu ihrem Vorteil [...]
December 6th, 2012 @ 14:38
Kann zwar selber mit der Mugge nicht soviel anfangen – aber der Anfang eines neuen Weges ist beschritten, würde ich mal sagen!
Top Idee!
Top Umsetzung!
Bleibt abzuwarten, ob es sich in der Ausprägung schon trägt oder ob da etwas weiterzuentwickeln ist!
A-propos neuer Weg: Mein Gedanke zu den DE-Piraten: Geht auch neue Wege in der Politik – nicht nur neuartiges untereinander-Kommuniziere, sondern auch politisch! Euch sollte ein EU-Rettungsschirm fürs erste egal sein, oder auch eine Frage nach der Umbenennung einer Straße in Klein-Hinterbuxtehude! Ihr seid erstmal Oposition und keine Regierungspartei! Bleibt bei Euren “schmalbandigen” Grundideen (das ist keine Kritik!!! Ausser dass Bildung noch stärker in den Mittelpunkt gerückt werden sollte!) und setzt die durch! Ihr solltet Euch nicht in 08/15-Geplänkel V2.0 mit den großen Parteien vergaloppieren!
December 10th, 2012 @ 10:22
PS: mich würde mal interessieren, wie das Geschäft gelaufen ist.
December 10th, 2012 @ 22:34
Stimmt, ein Follow-Up wäre cool. Werde mich bei Gelegenheit darum kümmern.