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Die wahren Probleme der Kulturvervielfältigungsindustrie

22.11.2010 | 5 Kommentare

Gehen wir mal davon aus, der private Austausch von Kultur ist legal und die kommerzielle Nutzung bis 14 Jahre nach Veröffentlichung geschützt. Das heisst: Die Gesetzgebung entspricht dem, was die Piratenpartei in ihrem Positionspapier zum Uhrheberrecht fordert. Wer leidet in dieser Situation? Leidet überhaupt jemand? Ich habe ein wenig recherchiert und fasse nun meine Erkenntnisse zusammen.

Gratiskultur? Wo?

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlags, hat eine «Gratiskultur» im Internet ausgemacht und fordert deshalb ein Leistungsschutzrecht. Und zwar dringend. Andreas von Gunten durchleuchtet in einem Blogbeitrag diese Behauptung. Sein Urteil:

Doch bei hellerem Lichte betrachtet, ist das doch eher nur Geschwätz von Leuten, die entweder noch nicht in der vernetzten Welt angekommen sind, oder um jeden Preis ein Geschäftsmodell retten wollen, welches in der bisherigen Form keine Daseinsberechtigung mehr hat.

Denn empirische Grundlagen zur Stützung dieses Urteils fehlen. Amazon, eBay und Appstores beweisen sogar das Gegenteil. Oder hätten diese unzähligen E-Commerce-Plattformen einen derartigen Erfolg gefeiert, würde der gemeine Internetbenutzer tatsächlich einer angeblich vorherrschenden «Gratiskultur» angehören? Hätte Apple Milliarden von Liedern verkaufen können?

Von Gunten bringt es auf den Punkt:

Weil die Menschen nicht bereit sind, sich durch komplexe Aktivierungs- und Registrationsprozesse durchzuarbeiten nur um ein paar Agenturmeldungen zu lesen, die sie sowieso den ganzen Tag an hundert verschiedenen Stellen beiläufig wahrnehmen, von “Gratiskultur” zu sprechen, ist eine Anmassung einer Branche die den Leser bis vor kurzem als Kunden gar nicht gekannt hat.

Dass die Kunden nicht bereit sind, sich bei jedem Computerwechsel bei ihren gekauften Songs, Filme oder E-Books zu überlegen, bei welchem Anbieter sie die einzelnen Titel gekauft haben um die Aktivierung auf dem neuem Gerät sicherzustellen, ist doch irgendwie nachvollziehbar. Hier von “Gratiskultur” zu sprechen, ist ein Verkennen der Realität.

Die Internet Nutzer verstehen zum grössten Teil sehr gut, wie Wirtschaft funktioniert. Sie brauchen keine Nachhilfestunden in Ökonomie. Sie wissen, dass es nichts kostenlos gibt auf dieser Welt, dass immer jemand bezahlt.

Auch spannend finde ich die Frage nach dem «Zeitungssterben». Es gibt eine Studie, die keinen Zusammenhang zwischen Web-Angeboten und dem Rückgang der Auflagenzahlen feststellen konnte. Die Schlussfolgerung ist eine andere: Erfolgreiche Web-Angebote sind auch auf dem Papier erfolgreich. Vielleicht einmal mehr der Ruf der Konsumenten nach Qualität?

Offensichtlich werden diese Fakten von den Leistungsschutzrechtschreiern grosszügig ignoriert. Das ist verständlich, denn welche Kulturverwertungslobby gibt schon freiwillig zu, dass es ihr gut geht, wenn sie mit entsprechenden Gesetzen dem Konsumenten noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann? Dieselben Vertreter beklagen sich dann, dass sich die Konsumenten wehren. Wie der gute Isaac Newton schon sagte: actio et reactio. Mit einem Unterschied: Die Naturkonstanten sollen im Fall Urheberrecht zu Gunsten der Kulturverwerter korrigiert werden.

Die Lüge der Abzocker

Lassen wir nun die Zahlen sprechen. Nicht selten müssen die armen Künstler als Argument für die Schaffung eines Verwertungsregimes herhalten. Wo keine Autoren da keine Kultur. Logischer Schluss, geheucheltes Argument. Hast du dir schon mal überlegt, wo das Geld der CD-Verkäufe landet? Oder wie es sich verteilt? Ich habe eine Statistik der lautesten und bisher erfolgreichsten Musikverwertungsvereinigung, der RIAA, gefunden. Die Vereinigung, die mächtig genug wurde, Geldstrafen bis zu $250.000 pro heruntergeladenem Lied einzuführen. Das Resultat: Auf $1000 Einnahmen gehen ganze $23.40 an den durchschnittlichen Musiker! Während die Contentindustrie Milliarden verdient kämpfen die Bands ums Überleben. Ich empfehle, den verlinkten Beitrag zu lesen. Das Argument der armen Künstler ist reine Polemik.

Wie sieht denn die Wahrheit aus? Nun, ich schrieb ja schon darüber, wem das Urheberrecht nützt. Zur Erinnerung: Das Urheberrecht kommt nicht automatisch den Urhebern zu Gute. Im Gegenteil: Den Urhebern geht es ohne Regime der Kulturvervielfältigungsindustrie besser, so Eckhard Höffners Resultat. Der Wirtschaftsjurist erhält Unterstützung von Felix Oberholzer-Gee, Harvard-Professor in Ökonomie:

Die Geschäftsmöglichkeiten verlagern sich von einem Bereich in einen anderen. Man muss deshalb die verschiedenen Einkommensströme zusammenrechen. Da wird schnell klar, wer in einer Krise steckt. Es sind die großen Musikunternehmen, die sich traditionell darauf verlassen haben, dass das Einkommen aus dem Verkauf von Tonträgern kommt. In der Tat sinken dort die Umsätze, da gibt es nichts schönzureden. Was man aber auch sehen muss: Der Markt für Komplementärgüter hat sich in den letzten Jahren ganz toll entwickelt.

Will heissen: Die Konzertbesuche nehmen zu, es wird mehr Geld für den Eintritt verlangt, die Online-CD-Verkäufe boomen und Merchandising-Artikel verkaufen sich wie warme Semmeln. RIAA, IFPI und Konsorte sehen von diesem Geld natürlich nichts. Denn durch das böse Internet sind immer weniger Bands auf Majors angewiesen. Jeder kann sich selber vermarkten! Das würde mir als Major natürlich auch nicht passen. Sonst müsste ja noch ein Direktor seine Yacht verkaufen.

Oberholzer-Gees Fazit:

In den USA, Großbritannien und Schweden sind in den letzten Jahren, das belegen Studien, die Einkommen von Musikern im Durchschnitt gestiegen, weil sie viel höhere Preise für Konzerttickets verlangen können. Der Komplementärmarkt macht also den Verlust wett, der durch den Einbruch auf dem Tonträgermarkt entstanden ist. Wenn man eine nicht ganz enge Vorstellung davon hat, was die Musikindustrie ist und womit sie Geld einnimmt, muss man sagen, dass die Wertschöpfung in der Musikindustrie in den letzten Jahren unheimlich stark gestiegen ist. Der Musikindustrie geht es besser denn je zuvor.

Wer hat nun welche Probleme?

Ich glaube, es gibt eine Vermischung zweier total unterschiedlicher Probleme. Wir haben einerseits eine Kulturvervielfältigungsindustrie, deren Geschäftsmodell kontinuierlich an Nachfrage und Bedeutung verliert. Gleichzeitig weigert sich diese Industrie, mit der Zeit zu gehen. Ihre Sturheit führt zu unzufriedenen Konsumenten, die mit schlechter Quantitätsware konfrontiert sind und dafür immer mehr bezahlen sollen. Auf der anderen Seite sind die Kulturschaffenden, die immer mehr Eigenverantwortung erhalten. Das Internet ermöglicht es jedem, sich international zu vermarkten. Zweifelt jemand daran, dass unsere Kulturmacher das in den Griff bekommen? Ich nicht!

Das ganze noch als Zitat aus dem Positionspapier zum Urheberrecht der Piratenpartei Schweiz:

Das Urheberrecht ist ein Monopolrecht. Es soll den Künstler dazu animieren, Werke zu schaffen, welche es bis an hin noch nicht gab, oder Werke zu erweitern, in dem er Kunstwerke imitiert, interpretiert, verändert, und somit in neue Werke transponiert. Wie bei Erfindungen soll ihm dieser Schutz auch ein Einkommen ermöglichen. Das Urheberrecht muss daher immer an eine natürliche Person gebunden sein, dem Erschaffer des Werkes. Die historische Entwicklung zeigt aber, dass das Urheberrecht als ein Schutz für das Verlagswesen entwickelt wurde, bei dem der Künstler anfangs nur eine Nebenrolle spielte.

Ein neues Urheberrecht sollte deshalb die individuelle Freiheit des Erschaffers wiedergeben. Es soll dabei auch die Rolle der Verlage neu überdacht werden. Waren sie früher notwendig, um Kopien in guter Qualität zu erzeugen, sind sie heute nur noch ein Distributionskanal unter vielen. Der individuelle, direkte Distributionskanal zwischen Künstler und Konsument im Internet hat eine neue Dimension eröffnet, welche die individuelle Abgeltung zu einem gangbaren Weg macht. Dies war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich, als Radioanstalten zu Recht verlangten, nicht individuell mit den Künstlern verhandeln zu müssen.

Auf der Seite Konsument habe ich auch keine Bedenken. Ich unterstütze Bands, an denen mir etwas liegt. Zum Beispiel mit Konzertbesuchen. Und dann auch immer direkt mit einem T-Shirt-Kauf. Auch Filme kaufe ich, wenn sie gut sind – Blu-Ray Qualität zu saugen ist ausserdem einfach nur mühsam. Und Festplatten kosten auch, vor allem wenn man sie noch backupen muss. Ich glaube nicht, dass diesbezüglich die Mehrheit anders denkt als ich. Wie bereits gesagt beweisen das auch die Milliarden Songs, welche Apple verkaufen konnte.

Meine ursprüngliche Frage war, wer unter einem stark modifizierten Urheberrecht leiden würde. Mein Fazit: Die Industrie. Denn die Urheber leiden heute schon. Es kann nur besser werden!

Was denkst du? Ergibt diese Trennung der Probleme Sinn? Wer leidet wirklich? Kommentare sind erwünscht!

Kommentare

5 Responses to “Die wahren Probleme der Kulturvervielfältigungsindustrie”

  1. Philippe Wampfler
    November 23rd, 2010 @ 12:28

    Ich bin völlig damit einverstanden, dass viele Massnahmen nur diskutiert werden, um eine veraltete Industrie künstlich am Leben zu erhalten – und dass das Interesse der UrheberInnen lediglich vorgeschoben wird.
    Letztlich würde ich aber so weit gehen und postulieren, dass wir ohne »geistiges Eigentum«, d.h. mit einem sehr lockeren oder praktisch inexistenten Urheberrecht die beste Grundlage für den Umgang mit kultureller und wissenschaftlicher Produktion haben.

    Nicht einverstanden bin ich mit der Aussage, HD-Qualität vom Internet runterzuladen sei zu anstrengend. Mit einem anständigen Anschluss sind 8GB-Filme doch kein Problem.

    P.S.: Captcha?

  2. Denis Simonet
    November 23rd, 2010 @ 12:42

    Ein Problem ist es nicht, aber ich hasse es lange nach einer guten Quelle zu suchen, eine Ewigkeit zu warten oder 30 rar Files zu saugen und dann noch ewig zu extrahieren. Gute Filme kaufe ich mir daher lieber. Das war eher mein subjektives Empfinden :).

  3. Danilo
    November 24th, 2010 @ 12:43

    Full ack. Ich bin Musikfan und besitze inzwischen gut 200 echte CDs. Daneben downloade ich auch viel Musik um neue Bands kennenzulernen. Gute Künstler unterstütze ich aber gerne mit CD- oder Merch-Kauf. Die Majorlabels hingegen nicht. Ihre Daseinsberechtigung wird von Jahr zu Jahr kleiner.

  4. Thorsten Wirth aka insideX
    November 24th, 2010 @ 14:57

    Hallo Dennis,

    die Fragen die du am Ende deines Artikels stellst, finde ich “fast” überflüssig. Natürlich sind die Probleme der Verwertungsindustrie andere als die der Urheber.

    Mein Statement:

    - Gratiskultur? Wo?

    Ein bisschen verwirrend, weil du voraussetzt das jeder die Argumente der Leid Beklagenden (die Verleger) kennt und du sofort mit Gegenargumenten kommst. Ich verstehe wohl was gemeint ist aber du schränkst die Leserschaft deines Artikels damit unnötig ein.

    Nichts desto trotz hast du Recht aber ich würde dieser dummen Polemik der “Gratiskultur” entgegenhalten, dass die Teilhabe an der Kultur einer Gesellschaft ein Menschenrecht ist und Herr Döpfner mit seinen Äußerungen humanistische Grundwerte in den Dreck zieht und zu kommerzialisieren sucht. Das Bestreben der Verwertungsindustrie ist es, jedem materiellen oder immateriellen Etwas, ein Besitz und somit eine monetäre Eigenschaft an zuheften. Somit entziehen die Verwerter der Gesellschaft Kapital ohne selber eine Leistung zu erbringen, was die Eigenschaft von Schmarotzern ist. Um es deutlicher zu machen: Wenn 70 Jahre lang die Werke der Beatles vermarktet werden, so haben die Beatles einmal, vielleicht einen Tag, ein Stück komponiert, dieses unzählige male aufgeführt und damit genug Geld verdient um sich und ihre Familien zu versorgen. Nun verdienen Verwertungsgesellschaften an den Songs der Beatles ohne das sie der Gesellschaft einen Mehrwert erbringen. Kein Arbeitsplatz, keine neue Musik, sie kassieren Geld, dass ist alles. Dadurch aber, dass nur eine bestimmte Menge Geld im Umlauf ist und die Verwerteter dieses Geld abschöpfen ohne selber eine Leistung zu erbringen, schaden die Verwerter der gesamten Kultur und somit der Gesellschaft.

    - Die Lüge der Abzocker

    Die Verwerter haben ihre Vorzeigekünstler, meist populäre Großverdiener , die die Sprüche der Verwertungsindustrie aufsagen. Ein wichtiger Punkt wäre hier, zusätzlich zu dem was du aufführst: Was verdienen die Verwerter durch die gewerbsmäßige Kriminalisierung der Verbraucher? Stichwort: „Abmahnungen“ . Hier kursieren nur Gerüchte aber wenn man die Gerichtsurteile in den USA zusammen rechnet kommen wir auf beträchtliche Summen. Natürlich zeichnen die Verwertungsgesellschaften diese Einnahmen in ihren Bilanzen nicht gesondert aus. Was würden den die Verbraucher sagen wenn die Verwertungsindustrie 50% ihrer Gewinne aus Abmahnungen erzielten?

    - Wer hat nun welche Probleme?

    Die Verwerter haben tatsächlich Probleme. Würden sie nicht so eifrig Abmahnen, ginge es ihnen in der Tat sehr schlecht und bei den Verlagen ist es noch einmal ganz anders gelagert. Immer mehr Menschen sitzen jeden Tag am Internet und können sich kostenlos über das neueste vom neuen Informieren ohne das der Verleger auch nur einen Penny dafür sieht. Dabei unterhalten die Verlage aufwendige Onlinedienste die sich auch durch Werbung nicht selber tragen können. – Ich sage dazu:
    Die Verlage werden aussterben und die Journalisten werden bald viel besser von dem Leben können was sie schreiben wenn sie sich mit dem Medium Internet erst mal richtig auskennen. Mehr Menschen werden mehr verdienen und uns wird es nicht schlechter gehen als vorher. ;-)

  5. Denis Simonet
    November 24th, 2010 @ 15:25

    Danke für den Kommentar. Ich denke, die Fragen am Ende sind schon gerechtfertigt. Wer sich diese nicht stellt wird auch nicht verstehen, wo die Verwertungsindustrie (absichtlich) unscharfe Abgrenzungen zu den Urhebern macht.

    Bei der Gratiskultur hast du vollkommen recht. Meine Absicht war aber nicht das Umdrehen der Behauptung sondern das in Frage stellen des Vorwurfs an die Internetbenutzer. Für mich ist wichtig, dass die Gratiskultur als Polemie erkannt und somit als Argument ignoriert wird.

    Abmahnungen gibt es in der Schweiz zum Glück nicht. Eine entsprechende Statistik würde mich aber auch interessieren. Ich denke, darauf können wir aber (leider) lange warten…

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