Nur zwei Tage nach der Demonstration mit Richard Stallman haben wir, die Berner Grossratskandidaten, wieder auf unsere Anliegen aufmerksam gemacht. Nach dem Urheberrecht stand die Privatsphäre und der Datenschutz auf dem Programm. So zogen wir letzten Samstag los und besammelten uns um 09:00 in Péry. Auf dem Programm stand eine Aktion, die sich von Moutier über Biel und Lyss nach Bern zog. An allen vier Orten war unser Ziel, auf die Datenschutzprobleme bei der Fahrzeughalterauskunft aufmerksam zu machen.
Die Halterauskunft
Das Strassenverkehrsamt Kanton Bern bietet eine Dienstleistung namens Halterauskunft an. Diese ermöglicht es, aufgrund der Autonummer den Namen, die Adresse und den Wohnort des Fahrzeughalters in Erfahrung zu bringen. Die Auskunft per SMS an die Nummer 939 kostet 50 Rappen und ist auf fünf Abfragen täglich pro Handynummer beschränkt. Diese Abfrage steht jedem offen. Die Fahrzeughalter können zwar mit einem Formular die Auskunft verweigern lassen (Datensperre), sind aber grösstenteils gar nicht erst über diesen Misstand informiert. Es handelt sich hierbei um ein massiven und grundlose Missachtung des Datenschutes. Die Polizei kann jederzeit angerufen werden und diese hat wenn nötig die Möglichkeit, eine Halterauskunft zu tätigen.
Die Aktion kurz erklärt
Unser Konzept ist einfach. Wir machen bei Autos auf Parkplätzen eine Halterauskunft. Die erhaltenen Angaben verwenden wir, um das Formular zur Datensperre auszufüllen und auszudrucken. Das ganze wird zusammen mit einem personalisierten Begleitschreiben und einem Wahlkampfflyer unter den Scheibenwischer geklemmt. Währenddem zwei Helfer mit den SMS-Abfragen und dem Druck beschäftigt sind, verteilen die anderen allgemeine Schreiben mit leeren Formularen an Passanten und klären sie über diese “Dienstleistung” des Strassenverkehrsamts auf.
Vorbereitungen
Es gab natürlich gewisse Vorbereitungen zu treffen. Einerseits können pro Handynummer nur fünf Abfragen pro Tag gemacht werden. Wir mussten also genügend SIM-Karten haben. Zum Glück hat Aldi gerade eine Aktion: das Starterkit mit 20 Franken Guthaben kostet 5 Franken. Pascal Gloor hat 10, ich 11 dieser SIM-Karten gekauft. Somit hatten wir 105 Abfragen zusätzlich zur Verfügung. Sollte das auch nicht reichen, können über ein Netbook mit UMTS-Flatrate noch die im IRC oder Jabber anwesenden Piraten um ein paar Abfragen gebeten werden.
Das grössere Problem war der Drucker. Dieser hat eine Versorgungsspannung von 220 Volt. Wir benötigten also einen 12V DC/220V AC Wandler für den Zigarettenanzünder. Einen solchen mit 350 Watt Leistung habe ich auf Ricardo für 70 Franken gefunden.
Nicht zu vergessen waren die Piratenflaggen und -banner für die Ästhetik im Umkreis des Basisautos
. Die Flyer hatten wir durch den zentralen Wahlmaterialversand sowieso schon gehabt. An die Digitalkamera und den Camcorder für die Dokumentation musste selbstverständlich auch gedacht werden.
Checkpoint 1: Moutier, Parkplatz auf dem Coop
Der erste Parkplatz, den wir unsicher machten, war der auf dem Coop von Moutier, die grösste Stadt im Berner Jura. Leider sind Supermarktparkplätze nicht so geeignet, wie sich herausgestellt hat. Bei der Ankunft sind die Automobilisten im Stress, weil sie unbedingt einkaufen wollen und beim Rauskommen wollen sie unbedingt nach Hause. Dennoch hatte ich bei ein paar Passanten die Möglichkeit, Französisch zu üben Leider mussten wir feststellen, dass der Drucker über den Zigarettenanzünder nicht starten will – wohl wegen zu hohem Startstrom. Wir konnten also nur die unpersönlichen Begleitschreiben und leeren Formulare verteilen.
Checkpoint 2: Biel, Neumarktparkplatz
Am Neumarktparkplatz in Biel fiel uns auf, dass wir keinen Mittag eingeplant hatten. So gingen wir noch kurz Kebabs kaufen. Die Passanten hatten hier schon mehr Zeit und weniger Stress. Einer hat mir sogar gesagt, er werde sich zu Hause sofort als Pirat anmelden. Beim Drucker mussten wir feststellen, dass auch direkt über die Autobatterie zu wenig Leistung geliefert wird, um ihn anzuschmeissen. Deswegen gingen Pascal Gloor und ich in den Interdiscount um nach einem Drucker mit weniger Leistungskonsum Ausschau zu halten. Wir wurden fündig. Ich gratuliere an dieser Stelle Pascal zu seinem ersten Tintenstrahldrucker seit langem! So konnten wir also noch ein paar personalisierte Schreiben ausdrucken und mussten dann schon weiter nach Lyss.
Checkpoint 3: Lyss, Bahnhof
Der Bahnhofparkplatz in Lyss ist ziemlich stressig, denn hier parkieren die wenigsten länger als 10 Minuten. Wir hatten ein Problem mit dem USB-Kabel und konnten zuerst keine personalisierten Schreiben ausdrucken. Nach einem Austausch des Kabels funktionierte aber auch das und wir versahen viele Autoscheiben mit den Schreiben. Auch hier kam die Aktion grösstenteils gut an. Ein Automobilist hat sich sogar für das vorausgefüllte Formular bedankt und gefragt, ob er mir was schulde.
Checkpoint 4: Bern, Nydeggbrücke
Auf dem Parkplatz bei der Nydeggbrücke in der Bundeshauptstadt konnten wir dann Vollgas geben. Wir haben gut 30 Autos mit persönlichen Schreiben versehen und viele Passanten auf die Problematik angesprochen. Um 17:30 gingen wir dann zum Wärmen ins alte Tramdepot und anschliessend nach Hause.
Fazit
Die Aktion kam bei allen Plätzen grösstenteils gut an. Etwa jeder Fünfte wusste bereits von der Halterauskunft, wobei es der Hälfte egal war und die andere Hälfte entweder schon ausgetragen war oder dankend das Formular entgegennahm um ihre Daten endlich zu sperren. Da wir immer noch 21 SIM-Karten und einen DC/AC-Wandler haben werden wir diese Aktion am 4. März ab 19 Uhr auf dem Chessu-Parkplatz in Biel wiederholen. 80% unserer Stichprobe wusste nichts von der Halterauskunft, das muss sich ändern!
Forderung auf Poplitnetz
Ich habe nun dieses Thema auf Politnetz angesprochen. Dieser Dienst muss abgeschaltet werden! http://www.politnetz.ch/beitrag/1161/anzeigen
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